c't 23/2017
S. 22
News
Windows Mobile

Schade ists um Windows Mobile

Microsoft entwickelt das Smartphone-Windows nicht weiter

Joe Belfiore hat sich unmissverständlich über das Schicksal von Windows 10 Mobile geäußert: Microsofts Smartphone-System steht auf dem Abstellgleis und hat keine Zukunft mehr. Ein Abgesang.

Endlich hat es mal jemand gesagt. Danke, Joe Belfiore. Jetzt ist auch auch den allerletzten Träumern klar, dass Microsofts Smartphone-Betriebssystem auf dem Abstellgleis steht. Der Softwarekonzern hat sich bis zuletzt um eine klare Aussage über das Schicksal von Windows Mobile gedrückt und damit auch die Hoffnungen der Unbeirrbaren genährt. Auf Twitter hat Belfiore dann vor Kurzem bestätigt, was Millionen von Fans längst schwante: Windows 10 Mobile ist so ziemlich tot.

Hit Delete

Die Zeichen waren ja nicht zu übersehen. Apps verschwanden von der Plattform. Das Motto „Mobile first“, das sich noch lange nach Satya Nadellas Amtsübernahme in Microsofts Selbstbeschreibungen gehalten hat, ist Geschichte – und damit der Anspruch, eine eigene Plattform für Smartphones in den Wettbewerb mit Apple und Google zu führen. Dass Nadella nie ein Fan von Steve Ballmers Smartphone-Plänen war, hat er in seinem kürzlich erschienenen Buch „Hit Refresh“ noch einmal bestätigt.

Nadella hat die von Ballmer eingefädelte Nokia-Übernahme gnadenlos rückabgewickelt. Trotzdem hat sich der CEO stets um eine klare Ansage gedrückt, wenn es um die Zukunft von Windows auf dem Smartphone ging.

Ohnehin hat kaum noch ein Hersteller ein Windows-Smartphone im Angebot – selbst das Alcatel Idol 4 Pro, das hierzulande vor ein paar Monaten dann doch noch auf den Markt gekommen ist, war nicht neu. HP will die Produktion des Elite X3, das letzte Windows-Flaggschiff, auch einstellen.

„Mr. Windows Phone“ Joe Belfiore spricht endlich Klartext. Bild: Microsoft

Nun ist es also Joe Belfiore, der es ausspricht. Das passt: Belfiore ist „Mr. Windows Phone“. Als Microsoft auf der Suche nach einer schnellen Rettung für das angeschlagene Windows Mobile die unter seiner Ägide entwickelte Zune-Oberfläche wählte, wurde Belfiore die Verantwortung übertragen. Auf die Frage eines Twitter-Nutzers bestätigt er das offene Geheimnis: „Neue Features oder Hardware zu bauen ist nicht im Fokus“.

So ein paar klärende Worte hätte man sich früher gewünscht. Das hätten die zahlreichen Fans verdient, die der Plattform lange die Treue gehalten haben. Auch wenn Microsofts Marktanteil bei den Smartphone-Systemen zuletzt kaum noch messbar war, reden wir hier von mehreren Millionen Nutzern. Und auch Nadella weiß: Das bei diesen Kunden verspielte Vertrauen wird Microsoft nur ganz schwer zurückgewinnen. Der neue Microsoft Launcher für Android eignet sich nicht als Trostpflaster: Er hat keine Kacheln.

Echter Fortschritt

Fans von Android und iOS mögen jetzt lachen, aber das Windows-Phone-UI war ein echter Fortschritt. Mit Hubs und interaktiven Kacheln hat Microsoft das uralte Desktop-Symbol-Schema, das sich über die frühen Handhelds auf das Smartphone gerettet hatte, deutlich weiterentwickelt. Ironischerweise erfüllte Windows Phone damit genau die Anforderung, mit der Nadella in seinem Buch sein Nein zum Nokia-Deal erklärt: „Ich habe nicht verstanden, warum die Welt ein drittes Smartphone-Ökosystem brauchen sollte, es sei denn, wir ändern die Regeln.“

Microsoft hatte also ein gutes System, das sich von der Konkurrenz abhob. Dass Windows Phone sich nicht durchsetzen konnte, hat auch damit zu tun, dass es heute Windows 10 Mobile heißt: Gleich zweimal ließ Microsoft bei neuen Systemversionen viele Kunden zurück. Dazu kamen strategische Fehler – das System war für Hersteller zunächst schlicht zu teuer. Nach dem misslungenen Verzweiflungsakt mit Nokia musste Ballmer gehen. Sein Nachfolger versuchte dann nur noch halbherzig, etwas zu retten.

Wenn du einen Zug verpasst hast, nimm den nächsten, meint Nadella und konzentriert sich auf das Cloud-Business und künstliche Intelligenz. Er ist in der komfortablen Lage, dass das Smartphone-Desaster seinem Vorgänger angerechnet wird. Für Microsoft bleibt es ein dunkler Fleck in der Geschichte: Das muss man erst mal schaffen, ein anständiges Smartphone-System so zu versenken. (vbr@ct.de)