c't 4/2016
S. 3
Editorial
Gerald Himmelein

Lieber streamen als klauen

Laut freut sich die Unterhaltungsindustrie über den Zuspruch, den Streaming-Angebote für Filme, Serien und Musik finden. Einige frohlocken schon, dass legale Angebote die Sümpfe der Sharehoster und Tauschbörsen trockenlegen.

Statt illegal zu tauschen, gucken sich immer mehr Leute durch das Angebot der legalen Portale. Wen wunderts, entfällt doch die nagende Sorge um Post vom Anwalt und es ist zugleich deutlich komfortabler als konventionelles Fernsehen: keine festen Sendezeiten, keine Werbepausen, die zum Erdulden zu lang und zum Teekochen zu kurz sind, keine willkürliche Wiederholung der halben Staffel nach dem Cliffhanger.

Die ersten Wochen mit einem Streaming-Angebot sind wie junge Liebe: Sieh mal, was es hier alles gibt, zu jedem Thema, in Hülle und Fülle! Filme nach Genre gruppiert, Serien zu Staffeln gebündelt, teils von Anfang bis Ende.

Bei Vielguckern stellt sich allerdings nach ein paar Monaten erster Frust ein: Zwar finden sie tatsächlich zu jedem Thema etwas, aber von nichts genug. Gezieltes Interesse führt zu oft in eine Sackgasse.

Wer die Terminator-Filme rekapitulieren will, muss bei Teil 2 anfangen. Brautalarm? Fehlanzeige. Sucht man bei Netflix nach der Batman-Trilogie, landet man bei Inception - kein Trost. Dollhouse? Angel? Bond? "Ihre Suche hat keine Treffer ergeben."

Bei aktuellen Filmen versteht man die Lücken ja noch halbwegs. Warum Klassiker und Serienstandards fehlen, die das Fernsehen schon tausendmal wiederholt hat, eher nicht. Worauf warten die Studios? Wer seine Streaming-Flatrate bis zum Anschlag ausreizt, hat schneller alles Sehenswerte gesehen, als nachgelegt wird.

Ein Umzug zum nächsten Portal hilft wenig: Zwar mag die neue Braut ein paar exklusive Produktionen in die Ehe bringen, aber der Grundstock des Angebots bleibt identisch. Wer gleichzeitig auf mehreren Hochzeiten tanzt, bekommt deutlich zu spüren, wie schmal das gestreamte Sortiment gegenüber den eigenen Vorlieben ausfällt.

Damit nicht genug: Immer wieder verschwinden Titel aus dem Angebot - weil Studio-Deals auslaufen. Die meisten Anbieter warnen immerhin mit einem Countdown. Wehe dem, der es bis zur Deadline nicht schafft: Dann endet die Serie mit dem Lizenzvertrag.

Die Taktik der Studios könnte fatale Folgen haben. Als bei einer Freundin wieder mal ein Titel aus der Watchlist verschwunden war, bevor sie ihn sehen konnte, fauchte sie wütend: "Glauben die tatsächlich, dass wir schon wieder vergessen haben, wo man den Kram klauen kann?"

Unterschrift Gerald Himmelein Gerald Himmelein

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